Dienstag, 3. Februar 2009

Festivitäten und ein neues Haus


Die Ruander sind scharf auf Feten. Auch der Nachdiplomstudiengang für den ich unterrichten darf, wurde mit Reden von verheerend wichtigen Personen, tanzenden Kriegern und einem Apéro gebührend eröffnet. Auf den ersten Blick fällt es schwer einen solchen Freiluftanlass von einem Hochzeitsapéro zu unterscheiden. Dabei weist einem eine hübsche, adrett gekleidete Dame (man könnte sie mit der Braut verwechseln), den Platz zu. Je nach "Wichtigkeit" darf man weiter vorne sitzen. Dieses Privileg habe ich aber gerne weitergegeben, um mir die Möglichkeit auf ein wenig Arbeit bzw. ein wohlkoordiniertes Abschleichen zu ermöglichen. Je wichtiger der Redner der bei einer Fest eine Rede hält, desto besser ist das Fest. Das Erscheinen eines wichtigen Redners ist aber nicht garantiert, was die Startzeit des Anlasses oft ein wenig nach hinten verschiebt und ein paar weniger wichtige Redner zu Lückenbüsser werden. Danach kommt die Kulturtruppe zum Einsatz. Was bei uns die Fahnenschwinger und Alphornbläser sind da Krieger (Intoretänzer, siehe National Geographic würdiges Ethnofoto, Privatarchiv cpajarol) und ihre weiblichen Begleiterinnen die einen choreographischen Tanz vollführen. Die Kämpfer schmücken sich mit langen blonden Perücken, Speer und Schild in der Hand und "Schälla" an den Beinen. Ich finde das eigentlich noch ziemlich cool - und auch die Ruander scheinen an den Auftritten gefallen zu haben. Sie erkennen durchaus gute und schlechte Kulturtruppen, beziehungseise kommentieren auftretende fachmännisch. Früher waren die Inhalte der Lieder und der Tänze eher kriegerischer als heute (und wohl auch ein wenig politischer, da die Reinenfolge des Auftritts innerhalb des Tanzes abhängig der Herkunft ist. Dies wird jedoch eher verschwiegen). Nach diesem Tanz gibt es immer etwas zu essen und zu Trinken. Ja, lange rede kurzer Sinn: Ich habe ja meine "Wilkommensfeier" an der Uni verpasst und meine eigene Diplomfeier wird wohl auch ohne mich stattfinden. Dank Ruanda werde ich aber bezüglich universitären Festivitäten sicherlich nicht zu kurz kommen.


Da Nicole nach Hause gegangen ist musste ich mir eine neue Bleibe suchen. Möglichkeiten haben sich viele ergeben die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich hätte ein eigenes Haus mieten können oder ein Zimmer in einem Kloster erhalten. Dadurch, dass die Beraterin des Rektors aber ganz Butare kennt (und ich sie) kann ich nun mit einem holländischen Atomphysiker, einem Koreaner und einem Ruander in einem Haus. Bewacht wird es vom grössten Alkoholiker im Quartier der beim Öffnen des Tores jeweils grossen Mut zur Langsamkeit beweist. Lennart (der Holländer) scheint ein zwäger Typ zu sein: Er trinkt gern Bier und isst sehr viel. Er hat als Junge zwei Jahre in Butare gewohnt und ist nach seinem PhD nun nochmals zu einem Teil seiner Wurzeln zurückgekehrt. Er weiss ziemlich viel über das Land, dass man seine Wäsche immer bügeln sollte und wie man selbst kochen kann ohne gleich krank zu werden. Gemeinsam haben wir eine uns Wäscheleine gebaut und ein Netzwerk eingerichtet um gegeneinander Civilisation spielen zu können (was wir bis jetzt auch fast jede Nacht gemacht haben). Weiter sind wir dabei eine Verstärkeranlage für unsere WLAN-Karten zu bauen, es gibt nämlich in der entfernten Nachbarschaft ein ungeschütztes WLAN-Netz. Vom Koreaner weiss ich noch nicht viel, da er sich jeweils in seinem Zimmer einsperrt und auch sonst eher kurz angebunden ist. Der Ruander ist unser Tagesguard, der aber im Haus pennen darf (es hat ee genügend Platz, darum haben wir uns dafür entschieden). Die Kommunikation ist ein wenig schwierig, da er nur ein paar Brocken Englisch und kein Französisch spricht.

Joggen gehe ich mehr oder weniger regelmässig. Meine Bänder sind zwar immernoch ein wenig geschwollen (weiss der Geier warum). Meistens kommt ein angehender britischer Marinesoldat und Taba, eine Hündin aus der Nachbarschaft, mit. Beide haben eine ziemlich gute Kondition, was auch längere Ausflüge rund um Butare ermöglicht. Landschaftlich mag Ruanda zwar ein wenig eintönig sein, aber das satte Grün der terrassierten Hügel, der blaue Himmel und die einzelnen weissen Wölkchen ergeben ein verheerend schönes Bild. Die Einheimischen reagieren gegenüber Hunden mit sehr grosser Zurückhaltung und Angst. Eventuell finden sie es auch ziemlich schräg, wenn zwei Weisse wie wild durch die Gegend rennen.
Jeweils am letzten Samstag im Monat ist Umuganda, dass heisst, dass alle verpflichtet sind in ihrem Umudugudu Frondienst zu leisten. Leute die aus religösen Gründen verhindert sind, dürfen ihre Arbeit an einem anderen Wochentag nachholen. An sich keine schlechte Idee, bei der Ausführung bzw. der wirklich effizienten Nutzung der vielen Arbeitskraft scheitert das Ganze jedoch. Beispielsweise wird eine Strasse immer und immer wieder repariert, nie jedoch so terrassiert bzw. befestigt oder neu angelegt, dass sie beim nächsten Regen nicht wieder davongeschwemmt wird.

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